Ein Roadtrip durch die USA ist ein echter Klassiker, und Colorado ist wie dafür gemacht. Eine Fahrt von den Wüstenlandschaften des Great Sand Dunes Nationalpark zu den Tiefen des Black Canyon of the Gunnison über die majestätischen Rocky Mountains hinein in die vibrierende Metropole Denver. Colorado macht sprachlos.

Text: Yvonne Beck

Unser Escape Campervan /Bild: Yvonne Beck

Nachdem wir bei unserem letzten US-Roadtrip die teils gewaltigen Distanzen unterschätzt hatten, beschränkten wir uns dieses Mal auf einen Staat. Statt aufs Gaspedal zu drücken, wollten wir in Ruhe die vier Nationalparks erkunden und beim Wandern den einen oder anderen Gipfel erklimmen. Und um es gleich vorwegzunehmen, wir waren von der grossartigen Landschaft Colorados, den üppigen Wäldern, rauschenden Flüssen, weiten Ebenen, sich im Wind wiegenden Espenwäldern und den riesigen Sanddünen völlig geflasht. Ja, manchmal ist weniger einfach mehr. Und im Falle von Colorado viel mehr! Der Staat ist eine Schatzkiste voller landschaftlicher und historischer Juwelen. Zu Unrecht steht er im Schatten der Nachbarstaaten Utah und Arizona, denn in Colorado ragen 58 majestätische Berge über 4.250 Meter in die Höhe, sind 25 Skiresorts weltweit bekannt für ihren exzellenten «Powder», versetzen acht historische Eisenbahnen Besucher zurück in die Zeiten des Goldrausches und fliegen auf über 250 Golfplätzen die Bälle dank der Höhe mindestens zehn Prozent weiter als in anderen Teilen der Welt.

Denver

Boomtown Boogie
Wir starten unsere Reise in Denver. Hier nehmen wir unseren Campervan entgegen – sein Name ist «Billy» und er wird uns auf unserer Reise ein zuverlässiger Gefährte sein. Wer nach Colorado reist, sollte grundsätzlich die ersten Tage in Denver verbringen, damit man sich langsam an die Höhe und das Klima gewöhnen kann. Das Label «Mile High» ist in Denver allgegenwärtig, schliesslich liegt die Stadt auf 1.609 Metern Höhe, also genau eine Meile hoch. Die Stadt im Herzen der USA ist den meisten nur von der 80er-Jahre-Serie «Denver Clan» mit Alexis Colby und Blake Carrington ein Begriff – zu Unrecht, denn Denver punktet mit einer hippen Food- und Kulturszene.

Denver boomt und erinnert mancherorts an Berlin. Viele junge Leute und Künstler strömen in die Stadt, um sich hier zu verwirklichen. Besonders RiNo (River North) erinnert vielerorts an Berlin Prenzlauer Berg. In alte Backsteingebäude und auf Brachen entstanden in den letzten Jahren kleine Boutiquen, Pop-up-Stores, Weinhandlungen, Cafés, innovative Designlabels und Microbreweries. Bier ist eine äusserst grosse Sache in Denver. Hier scheint jeder sein ganz persönliches Lieblingsbier zu trinken. Im Staat Colorado sind in den vergangenen Jahrzehnten über 300 Craft Beer Breweries entstanden, und allein in der Innenstadt von Denver findet man über 30. Nach eigenen Angaben wird weltweit nirgends mehr Bier gebraut, und so betitelt man sich auch gerne als der «Bierstaat» der USA.

Ja, Denver erlebt gerade eine wahre Goldrauschstimmung wie vor circa 150 Jahren. Und so prägen Rooftop Bars, Street Art, innovative Restaurantkonzepte und Foodtrucks das Stadtbild. Zudem ist Denver Heimat des grössten Kunstkomplexes ausserhalb von New York. Innerhalb der letzten vier Jahre eröffneten unter anderem das hochmoderne, interaktive History Colorado Center, das Clyfford Still Museum, das American Western Museum of Art und das Kirkland Museum of Fine & Decorative Art. Letzteres beherbergt eine der wichtigsten Sammlungen internationaler angewandter Kunst in Nordamerika, mit Kunstgegenständen aus den wichtigsten Kunstepochen von Arts & Crafts bis hin zur Postmoderne. Das Spektakulärste an der Stadt ist jedoch ihre Lage mit den gigantischen Berggipfeln der Rocky Mountains als Naturkulisse. Denver selbst ist Heimat des mit über 200 Grünflächen grössten Parksystems der USA, und der City Park gilt als Colorados Antwort auf den New Yorker Central Park. Vor den Toren der Stadt warten jedoch zahlreiche weitere Top-Attraktionen – allen voran der traumhaft schöne Rocky Mountain National Park, ein Paradies für Outdoor-Liebhaber. Und so verlassen wir nach drei Tagen Colorados Hippster-City, drehen den Zündschlüssel um und begeben uns auf unsere eigentliche Mission, den Roadtrip durch Colorado.

Ein riesengrosser Sandkasten
Unser erstes Ziel ist der Great Sand Dunes National Park im Süden Colorados. Anstelle der sonst fast allgegenwärtigen Berge aus Felsstein befinden sich hier Berge aus Sand. Anfangs waren wir uns gar nicht so sicher, ob wir diesen Ort in unsere Routenplanung aufnehmen sollten, denn Sanddünen kennen wir zur Genüge aus anderen Ländern. Dieser National Park beherbergt jedoch die höchsten Dünen Nordamerikas, die bis zu 200 Meter hoch in den Himmel ragen. Sie liegen in einem Gebiet, das sich über beinahe 80 Quadratkilometer am Fusse der Sangre de Cristo Mountains erstreckt. Sanddünen wie in der Sahara, und das direkt vor den schneebedeckten Gipfeln der Rocky-Mountains-Ausläufer – so etwas haben wir noch nie gesehen. Es ist ein Naturwunder, das durch das Zusammenspiel von Wind und Wasser in Jahrmillionen geschaffen wurde. Eines von vielen Naturwundern, die uns auf der weiteren Reise noch begegnen sollen und uns etwas demütig werden lassen.

Die Dünen werden auf ein Alter von rund 12.000 Jahren geschätzt und sind durch Sandablagerungen des Rio Grande und seiner Nebenflüsse entstanden. Zum «Pflichtprogramm» gehört natürlich das Erklimmen mindestens eines dieser gewaltigen Sandberge. Ein mühseliges und vor allem schweisstreibendes Unterfangen, das von vielen anfangs unterschätzt wird, aber jeden Schritt lohnt. Wir stapfen also eine Düne hinauf, die Luft ist dünn und der Atem schnell in hoher Frequenz. Noch macht uns die Höhenluft etwas zu schaffen. Doch der unvergleichliche Sonnenuntergang auf dem ersten hohen Dünenkamm macht alle Anstrengung wieder wett. Von oben zeigt sich auch erst das wirkliche Ausmass der Dünen – ein gigantischer Sandkasten mitten in den Bergen der Sangre de Cristo Range auf 2.500 Metern Höhe. Auf dem Rückweg zu unserem Campground treffen wir noch eine Herde Rehe, die nur einen Meter von uns entfernt unseren Weg kreuzt. Wir lassen den Tag am Lagerfeuer ausklingen, geniessen die Stille des Nationalparks und die Millionen Sterne, die über unseren Köpfen funkeln.

Verlassene Minenstädtchen
Am nächsten Tag wecken uns die ersten Sonnenstrahlen. Und wir erleben aus unserem Dachzeltbett heraus einen wundervollen Sonnenaufgang, der die Dünen für einen kurzen Moment in ein ganz besonders magisches  Licht taucht. In diesem Moment wissen wir, dass unsere Entscheidung für einen Campervan mit Dachzelt genau die richtige war, und fast jeden weiteren Morgen werden wir uns an unserem «Room with a View» erfreuen. Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns auf in Richtung Westen. Vorbei an rauschenden Flüssen und einer beeindruckenden Landschaft folgen wir den Spuren eines reichen Kulturerbes, das auf die Zeit der Goldgräber zurückführt.

Inmitten der San Juan Mountains liegt die 1874 gegründete Silberbergbausiedlung Silverton. Der Ort mit seinen berühmten Silberminen blickt auf eine glanzvolle Vergangenheit zurück. Die letzte Silbermine hat erst 1991 ihren Betrieb eingestellt. Die farbenfrohen Holzhäuser mit den Fassaden der Jahrhundertwende laden zu einem Bummel durch den Historic District ein. Überliefert ist, dass sich die Revolverhelden und Gesetzeshüter Wyatt Earp und Bat Masterson von 1882 bis 1883 in Silverton aufhielten. Die meisten Besucher kommen mit dem Museumsdampfzug von Durango herauf. Der Narrow Gauge Railroad Train, der zwischen Durango und Silverton verkehrt, ist die Touristenattraktion. Auch Durango verdankt seinen wirtschaftlichen Wohlstand den Minen. Lange Zeit war der Ort Sammelplatz jener Gold- und Silberschätze, die man über viele Jahrzehnte in den umliegenden Bergen gefunden hat. Wir machen hier jedoch nur einen kurzen Stopp, da uns das Örtchen etwas zu touristisch ist und scheinbar auch schon in die Reiseplanung asiatischer Busunternehmen Einzug gehalten hat. Viel lieber legen wir noch ein paar Fotostopps bei den zahlreichen verlassenen Silberminen und Ghost Towns in der Umgebung ein. Wo zur Zeit des Goldrausches das pralle Leben herrschte, stehen heute nur noch Überreste von Städten und Siedlungen, die mit dem Ende des Goldrausches auch ihren Niedergang erlebten. Doch zwischen den windschiefen und stark verwitterten Holzfassaden weht immer noch ein Hauch Wild-West-Stimmung. Es wäre daher nicht verwunderlich, wenn John Wayne mit gezogenem Revolver hinter einer der verlassenen Hütten hervortreten würde.

Alte Felsenwohnungen
Unser nächster Stopp ist der vermutlich bekannteste Nationalpark Colorados: Mesa Verde. Obwohl die Landschaft auch hier spektakulär ist, stammt der Ruf jedoch vor allem von seiner archäologischen Bedeutung. Und so wird hier kein Naturerbe geschützt, wie sonst üblich, sondern menschliches Kulturerbe. Steinerne Städte voller Geheimnisse, spektakulär in die Felswände eines Bergmassivs hineingebaut, erwarten den Besucher im 1906 gegründeten grössten archäologischen Schutzgebiet der Vereinigten Staaten. Mesa Verde besitzt annähernd 5.000 bekannte archäologische Stätten, darunter etwa 600 Felsenwohnungen. Die ältesten und besterhaltenen Ruinen der Anasazi-Indianer befinden sich auf dem lang gestreckten, ungefähr 2.600 Meter hohen Tafelberg von Mesa Verde («Grüne Tafel»). In den hiesigen Schluchten und Felsnischen haben Archäologen ganze Dörfer ausgemacht und restauriert. Von 600 bis 1300 nach Chr. bauten die hier ansässigen Anasazi faszinierende Siedlungen in die Felsklippen der Hochplateaus, die heute oft nur über Leitern erreichbar sind.

Die geheimnisvollen Felsenwohnungen im Mesa Verde Nationalpark sind eine architektonische Meisterleistung. Am bekanntesten sind das Long House, das Spruce Tree House sowie der vierstöckige Cliff Palace, dessen 150 Räume und 23 Kivas mehr als 100 Bewohnern Platz boten. Die Grösse der Gebäude variiert von einem einfachen Ein-Raum-Lager bis hin zu einem Dorf mit mehr als 150 Räumen. Abenteuerlich ist der Besuch des Balcony House. Ranger führen Wagemutige über 130 Felsstufen hinab und dann wieder über eine zehn Meter hohe Leiter auf einen steil abfallenden Felssims. Zum krönenden Abschluss kriecht man noch auf allen vieren durch einen engen und etwa drei Meter langen Tunnel, um dann wieder vor Felsstufen zu stehen, die noch einmal 20 Meter in die Höhe führen. Achtung: Die meisten Touren müssen im Voraus gebucht werden! Warum die Bevölkerung ab 1270 begann, nach Süden – ins heutige New Mexiko und Arizona – abzuwandern, ist noch ungeklärt. Fest steht nur, dass die Anlage erst 1888, als die beiden Cowboys Charlie Mason und Richard Wetherill auf der Suche nach verirrten Rindern unvermittelt vor den Mauern des Cliff Palace standen, wiederentdeckt wurde. Aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung wurde Mesa Verde sogar zum Weltkulturerbe ernannt. Um den Park in Ruhe zu erkunden, sollte man mindestens einen ganzen Tag einplanen.

Der «Million Dollar Highway»
Für uns geht es am nächsten Tag weiter auf dem Highway 550, der auch «Million Dollar Highway» genannt wird. Möchte man eine Liste der schönsten Strassenzüge in den USA erstellen, gehört der Highway 550 mit Sicherheit auf einen der ersten Plätze. Die Strasse windet sich in Serpentinen ins Gebirge hinauf. Insgesamt geht es über drei Pässe und eine Scheitelhöhe von immerhin 3.358 Metern. Die Route führt durch die atemberaubende Uncompahgre-Schlucht, die einst der gleichnamige Fluss in den Fels schnitt. Aber Achtung, so schön die Umgebung auch sein mag, hier ist höchste Konzentration angesagt, um auf der Strasse ohne Leitplanken und Seitenstreifen nicht von der Strecke abzukommen. Aber was für eine Aussicht! Zumindest für den Beifahrer. Woher der Name «Million Dollar Highway» stammt, weiss keiner mehr so genau. Zum einen war der Strassenbau damals aufwendig und ausgesprochen teuer (1920 soll eine Meile eine Million Dollar gekostet haben), zum anderen könnte der Name darauf hinweisen, dass das zum Bau verwendete goldhaltige Geröll eben Millionen Dollar wert gewesen sei. Passend ist auch, dass die Strasse nach Ouray führt, das gern als «Schweiz» der USA betitelt wird. Vor allem die heissen Quellen, die bereits von den Ute-Indianern aufgesucht wurden, und die Ausflugsmöglichkeiten mit Allrad-Jeep zu verfallenen Silberminen lassen viele Reisende hier einen Stopp einlegen. Auch in unseren Augen ist Ouray eine der charmantesten Städte in der Gegend. Und trotz Bärenalarm schlafen wir auch diese Nacht wieder schnell ein in unserem Campervan und träumen von einem Leben als Goldsucher.

Bären sind in dieser Gegend übrigens keine Seltenheit. Die Einheimischen nehmen es jedoch gelassen. Viel Krach machen, dann nimmt der Bär meist Reissaus, rät man uns. Zudem sollte man nichts Essbares herumliegen lassen inkl. Zahnpasta – wir halten uns akribisch daran, und so sollte es auch bis ganz zum Schluss unserer Reise dauern, bis wir einen Bären erblicken.

Die Schlucht der Giganten
Nächster Stopp, nächstes landschaftliches Highlight: «Black Canyon of the Gunnison». Dieser Nationalpark im Südwesten ist noch ein echter Geheimtipp. Zwei Millionen Jahre etwa haben die Naturgewalten gebraucht, um die Steilschluchten in diesem Nationalpark zu bilden, und es dürfte schwerfallen, auf dem nordamerikanischen Kontinent ältere Felsen als die Black Canyons of the Gunnison zu finden.

Der Canyon besticht nicht durch seine Höhe, sondern durch seine Tiefe, denn die dramatische, knapp 90 Kilometer lange Schlucht des Canyons ist bis zu 823 Meter tief. Es gibt steilere und engere Schluchten in Nordamerika, doch keine wirkt so dramatische wie der Black Canyon. Es gibt Teile der Schlucht, die nur rund 30 Minuten des Tages von der Sonne beschienen werden. Das lässt den aus dunklem Gestein bestehenden Canyon noch düsterer wirken. Einer der vielen Gründe, warum dieser Nationalpark bei mir so etwas wie Gänsehaut hervorgerufen hat. Der Blick in die Schlucht ist absolut überwältigend. Durch das fliessende Wasser gräbt sich der Canyon jedes Jahr tiefer ins Gestein, wenn auch nur um die Breite eines menschlichen Haars. Da für den unteren Teil des Canyons jedoch ein Permit benötigt wird und er nur von wirklich geübten Wanderern aufgesucht werden sollte, entscheiden wir uns für eine kürzere Wanderung auf dem oberen Rand des Canyons in Begleitung von einigen neugierigen Streifenhörnchen. Doch nicht nur tagsüber ist der Park ein echtes Highlight – als offizielles Lichtschutzgebiet (International Dark Sky Park) präsentiert er sich in der Nacht als Meer von Sternen. Und wir schätzen uns wieder einmal glücklich, dass wir mit unserem «Billy» mitten im Park übernachten können.

Skifahren im Cowboystyle
Weiter geht es durch die atemberaubende Natur im Westen Colorados. Die hochalpine Landschaft des weltgrössten Tafelbergs – der Grand Mesa – sowie der Colorado River machen diese Wüstengegend zu etwas ganz Besonderem. Hier liegt inmitten faszinierender Canyons aus rotem Fels das Weinanbaugebiet Grand Junction. Wir machen natürlich auch einen Stopp, um Wein, Pfirsiche und Kirschen direkt vom Winzer bzw. Farmer zu erwerben. Das Weinanbaugebiet gilt aber auch als Outdoor-Paradies. Das Colorado National Monument, das Teil des Nationalpark-Systems ist, sollte man auf keinen Fall verpassen. Durch das 8.296 Hektar grosse Areal führt die 37 Kilometer lange Panoramastrasse Rim Rock Drive. Kurvenreich geht es durch die Landschaft des National Monuments.

Uns zieht es weiter in das sagenumwobene Skigebiet Colorados, dem St. Moritz und Kitzbühel der USA. Wir sind gespannt, was dran ist an diesem Jetsetter-Ort Aspen. Zwar ist momentan keine Skisaison, aber wie bei uns sollte man die Sommermonate in den Bergen nicht unterschätzen. Und tatsächlich sehen Aspen und Snowmass aus wie eine Seite aus dem Bilderbuch: majestätische, schneebedeckte Berggipfel, grüne Wälder und romantische Bergstädte im Westernstyle. Der heute so exklusive Erholungsort Aspen ist aus einer 1879 gegründeten Bergbausiedlung hervorgegangen, die in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts einen wahren Silberboom erlebte. Bis 1887 wurden rund 15.000 Menschen von den sieben grossen Silberminen angezogen. Mit dem Verfall des Silberpreises in den Neunzigerjahren endete die erste Blütezeit von Aspen. Es drohte das Schicksal einer Geisterstadt, und es dauerte bis zum Zweiten Weltkrieg, bis sich ein neuerlicher Aufschwung des Ortes andeutete. Damals trainierten Gebirgsjäger auf den schneereichen Steilhängen und amüsierten sich am Wochenende im Ort. Zum Durchbruch als Wintersportdestination verhalf der Industrielle Walter P. Paepcke aus Chicago, auf dessen Veranlassung 1945 in Aspen der damals längste Sessellift der Welt errichtet wurde. 1950 folgte bereits die Weltmeisterschaft im alpinen Skilauf, und so nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf. Auf Einladung von Paepcke kamen etliche namhafte Persönlichkeiten nach Aspen, die dem Ort zu noch mehr Glanz verhalfen. Alles, was Rang und Namen hat, schwebt heute um Weihnachten und Neujahr mit dem Privatjet auf dem Flughafen der Stadt ein und feiert mit Hollywoodstars die Silvesterpartys.

Im Sommer und Herbst wirkt der Ort trotz vieler Festivals etwas verschlafen. Doch gerade der Herbst gilt als Geheimtipp – die Einheimischen nennen ihn «Secret Season». Die Espenwälder explodieren in knallig leuchtendem Gelb. Ein Indian Summer auf 2.400 Metern Meereshöhe. Kein Wunder, dass sich Schauspieler wie Kevin Costner, Kurt Russell und Jack Nicholson hier ein Häuschen zugelegt haben. Für alle anderen heisst es: Panoramamodus der Smartphone-Kameras einstellen und an den nahe gelegenen Maroon Bells die zwei traumhaft schönen Berggipfel – die am meisten fotografierten in Nordamerika – ablichten. Wir unternehmen hier eine der schönsten Wanderungen auf unserer Reise – Murmeltiere inklusive. Inzwischen haben wir uns auch gut an die Höhenluft gewöhnt, sodass auch steilere Wege von uns bezwungen werden können.

 Papa Elch und Mama Bär
Unsere letzte Etappe führt uns wieder vor die Tore Denvers. Nur 1,5 Stunden nordwestlich der Metropole liegt der Rocky Mountain National Park. Für mich einer der schönsten Nationalparks der USA. Das über 107.000 Hektar grosse Gebiet begeistert mit einigen der dramatischsten Berglandschaften unseres Planeten. Und wie der Name schon andeutet, dreht sich in diesem Park vieles um Berge. Der 4.336 Meter hohe Longs Peak thront über einer atemberaubenden Kulisse aus Wäldern und tiefblauen Bergseen, die zum Wandern, Radfahren und Reiten einladen. Ein Highlight ist die Fahrt über die 3.713 Meter hohe Trail Ridge Road, die als höchste Passstrasse der USA gilt. Zudem bietet der Park eine sagenhafte Vielfalt an Flora und Fauna. Bereits bei der Einfahrt in den Nationalpark begegnen wir einer Elchkuh mit ihrem Jungen. In den drei Tagen, die wir hier übernachten, treffen wir noch auf Wapiti-Hirsche, Dickhornschafe und einige durchaus imposante Elchbullen. Von einem Ranger erfahren wir später, dass es sich hierbei um die gefährlichsten Tiere im Park handelt. Und so sind wir froh, dass wir bei unseren Wanderungen wohl auf gutmütige Exemplare gestossen sind.

Die Landschaft des Rocky Mountain National Park wird nach wie vor durch die Elemente geformt und verändert. In den tieferen Lagen erstrecken sich Feuchtgebiete mit einer artenreichen Pflanzen- und Tierwelt. Mit zunehmender Höhe prägen immergrüne Wälder und hoch gelegene Bergseen die Naturkulisse. Oberhalb der Baumgrenze schliesslich herrschen so extreme Umgebungsbedingungen, dass in der rauen Bergtundra nur noch niedrige, nah am Boden wachsende Pflanzen gedeihen. So führen die rund 570 Kilometer langen Wanderwege durch die unterschiedlichsten Naturkulissen, und wir stossen bei unserer allerletzten Wanderung nach einstündigem Aufstieg plötzlich auf einen riesigen See voller Seerosen, den wir – wie so oft auf dieser Reise – ganz für uns alleine haben. Und um das Ganze perfekt zu machen, erwartet uns auf dem Rückweg zu unserem Campingplatz in einiger Entfernung eine Bärenmutter mit ihren zwei Kindern. Okay, Colorado, du hast es geschafft, dein Overload an Naturschönheit treibt mir zum Ende der Reise wirklich noch ein paar Tränen in die Augen.

Fazit: Colorado wird unterschätzt – zu Unrecht, aber auch «Gott sei Dank», denn so können mancherorts die spektakulärsten Landschaften fast ohne andere Touristen genossen werden! Auf sehr vielen unserer Hikes haben wir keine Menschenseele getroffen und hatten so die grandiose Landschaft ganz für uns allein. Ob rauschende Flüsse, Wasserfälle, beeindruckende Canyons, die höchsten Strassen Amerikas oder imposante Tierbegegnungen: Colorado ist ganz klar ein Geheimtipp unter den US-Staaten und mehr als nur eine Reise wert.

Escape Campervans
Viele der besten Plätze und Sehenswürdigkeiten in den USA sind mit herkömmlichen Wohnmobilen nicht erreichbar. Daher haben wir uns für einen Escape Campervan entschieden. Die Fahrzeuge sind erheblich kompakter, wendiger und auch sparsamer im Verbrauch als Wohnmobile anderer Anbieter. Sie fahren sich wie normale Vans und können daher überall dort hin, wo auch normale Autos fahren können. So bieten die Escape Campervans praktischen Komfort sowie die Flexibilität und Freiheit, ausgetretene Pfade zu verlassen. Im Jahr 2003 gründeten drei Freunde aus Neuseeland den farbenfrohen Escape-Verleih, der 2009 in die USA expandierte. Der Name Escape ist Programm – die Flucht vor dem Alltag und raus in die Natur. Jedes ihrer Fahrzeuge ist einzigartig: von lokalen Künstlern handbemalt und ausgestattet mit einem Doppelbett einschliesslich Bettzeug, Gasherd mit zwei Platten, Waschbecken und fliessend Wasser, Kühlschrank, Geschirr und Kochutensilien, Campingstühle und allem, was man sonst noch für ein unvergessliches Campingabenteuer benötigt. Wir waren mit einem Maverick mit zusätzlichem Dachzelt unterwegs, sodass wir viel Platz und oftmals den schönsten Ausblick beim Aufwachen hatten. Fahrzeugstationen gibt es inzwischen in Los Angeles, San Francisco, Seattle, New York, Denver, Miami, Phoenix und Las Vegas. Die «Jungs» von Escape helfen gerne mit Insidertipps und Routenvorschlägen weiter.