Im ukrainischen Prypjat steht die Zeit seit 31 Jahren still. Als es 1986 zu dem bis dahin grössten Reaktorunglück von Tschernobyl kam, musste die Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit alles zurücklassen. 50.000 Einwohner zählte die Stadt früher, heute ist sie zum Geisterwald geworden.

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Durch die Reaktorexplosion in Tschernobyl wurde in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 einhundert Mal mehr Radioaktivität freigesetzt als bei Abwürfen von Atombomben. Sie zählt bis heute als die bisher grösste industrielle Katastrophe der Menschheit. Die unmittelbare Umgebung des Reaktors, ein Gebiet mit einem Radius von etwa 30 Kilometern, wurde zum Sperrgebiet erklärt. Insgesamt mussten mehr als 300.000 Menschen ihre Heimat verlassen. Viele lebten in der Stadt Prypjat, vier Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Prypjat wurde 1970 für die Kraftwerksmitarbeiter und ihre Familien errichtet. Es galt als Privileg, im Schatten des Reaktors zu leben, man versprach den Einwohnern eine strahlende Zukunft. Die kam – anders als gedacht. Heute wirkt die Stadt, als hätten sich ihre Bewohner einfach in Luft aufgelöst.

«Tschernobyl und Fujiyama sind die Brandmale des Menschen am Körper der Natur.»
(Erwin Koch)

Vom Testlauf zur Katastrophe
Mitarbeiter des Kraftwerks wollen eigentlich nur testen, ob der Reaktor einem Stromausfall standhält. Der Versuch in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl scheitert. Fehlt der Strom, setzt das Notkühlsystem ein – so die Idee. Doch sowohl die Schnellabschaltung als auch die Notkühlung versagen. Zudem gibt ein Angestellter falsche Befehle in die Reaktorautomatik von Block 4 ein, dadurch kommt es zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg und zur Explosion des Reaktors. Zwei Wasserstoffexplosionen zertrümmern die Betonhülle des Reaktorblocks. Tödlicher, radioaktiver Staub legte sich auf Strassen und Häuser, zwei Städte und Dutzende Dörfer mussten die Sowjets aufgeben. Radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 vergifteten Boden, Wasser und Luft. Heute wirkt die Stadt, als hätten sich seine Bewohner einfach in Luft aufgelöst. Radioaktivität friert die Zeit ein. Doch nur für den Menschen, nicht für die Natur.

Natur auf dem Vormarsch
Büsche und Bäume drängen sich immer weiter vor und überwuchern Strassen sowie Häuser. Die Natur holt sich zurück, was ihr einst gehörte. Als die Menschen gingen, kam die Natur zurück. Kurz nach der Katastrophe starben zehn Quadratkilometer Kiefernwald ab und es verschwanden zahlreiche Vogelarten, Nagetiere und Insekten. Doch anstelle des abgestorbenen Waldes ist ein neuer gewachsen und selten gewordene Tierarten wie Luchse, Wölfe und Wisents siedeln sich wieder an – die vermutlich einzige gute Folge der schrecklichen Katastrophe. Selbst der Europäische Braunbär kam nach über 100 Jahren Abwesenheit wieder zurück. Doch nicht alle Tierarten können die Strahlenbelastung verkraften, einige Arten weisen Anomalien und Tumore auf. Viele Arten bringen jedoch trotz hoher Strahlenbelastung gesunden Nachwuchs zur Welt. Ob die Tiere sonst Schäden durch die Strahlung davongetragen haben und, wenn ja, welche, ist für die meisten Arten nicht abschliessend geklärt.

Alles strahlt …
Auch 31 Jahre nach der grossen Havarie ist der neue Sarkophag für den Unglücksreaktor noch nicht fertiggestellt. Seit über sechs Jahren wird daran gebaut. Doch auch die neue Hülle wird die Strahlung nicht völlig im Innern halten können. Selbst Stahl und Beton können nur einen Teil der Wellen aufhalten. Die Zone 1 (30-Kilometer-Zone) bleibt weiter eine Zone, die nicht bewohnt werden darf und nur mit Sondergenehmigung betreten werden kann. Einige ältere Menschen im äusseren Zonenbereich sind wieder in ihre kontaminierten Häuser zurückgekehrt und leben dort als Selbstversorger ohne Strom und Gasanschluss. Viele von ihnen leben lieber mit den Gefahren durch radioaktive Strahlung als ohne ihre Heimat. Im Sperrgebiet liegt noch immer radioaktives Material. Wo die Strahlenbelastung nach dem Unfall am höchsten war, hoben die sogenannten Liquidatoren Gruben aus und kippten alles hinein. Trotz der Strahlenbelastung, die an den sogenannten Hotspots besonders hoch ist, halten sich im Sperrgebiet täglich Menschen auf, darunter Mitarbeiter des Kernkraftwerks, Waldarbeiter, Forscher, aber auch Touristen.

Seit über zehn Jahren werden offizielle Tages-Touren nach Prypjat und Tschernobyl angeboten. Unter den Teilnehmern sind Menschen, die ihre alte Heimat wiedersehen wollen, andere, die nachvollziehen möchten, was passiert ist, aber auch Voyeure, die das Abenteuer suchen und den besonderen Kick, verbotenen Boden zu betreten. Auf unserer Bucket List steht kein Ausflug in die radioaktive Sperrzone. Die Strahlenwüste von Tschernobyl ist ein morbides Reiseziel voller Schrecken und ein postapokalyptischer Un-Ort für Sensationslustige. Was fehlt, ist ein Aufklärungsort – ein Ort des Gedenkens für die, die ihr Leben verloren. 600 für Löscharbeiten eingesetzte Männer wurden stark verstrahlt. Viele von ihnen erhielten Dosen an Radioaktivität bis zu 13 Sievert, das heisst, sie bekamen innerhalb kürzester Zeit eine Strahlungsmenge ab, die bis zu 13.000 Mal über dem Grenzwert der Europäischen Union liegt. 39 Helfer starben am akuten Strahlensyndrom. Wie viele weitere infolge des atomaren Unfalls starben, lässt sich nur schwer sagen. Tschernobyl ist ein Ort des offiziell verordneten Schweigens, der traurigen Verdrängung und der Selbstlüge, aber keine Feriendestination.