Kanäle statt Strassen, Palmen statt Hektik: Fort Lauderdale zeigt Florida von seiner entspannten Seite. Zwischen Traumstränden, Meeresschildkröten und Wasserwegen entfaltet sich eine Stadt, die man am besten vom Wasser aus entdeckt.
Text: Yvonne Beck
Der Tag beginnt mit dem Ruf der Möwen. Über dem Atlantik färbt die aufgehende Sonne den Himmel orange, während sich die ersten Jogger auf der Strandpromenade bewegen. Ein Pelikan stürzt sich ins Wasser und Angler werfen ihre Leinen aus. Fort Lauderdale wacht langsam auf – und genau das macht den Reiz dieser Stadt aus. Während Miami oft laut, schnell und schrill wirkt, zeigt sich Fort Lauderdale entspannter. Hier bestimmen Wasser, Palmen und ein erstaunlich gelassenes Lebensgefühl den Rhythmus.


Die Stadt der Wasserwege
Schon kurz nach der Ankunft wird klar, warum die Stadt als «Venedig Amerikas» bezeichnet wird. Mehr als 480 Kilometer Kanäle und Wasserwege durchziehen das Stadtgebiet. Hinter Hecken und Palmen verstecken sich Villen mit privaten Anlegestellen, auf den Kanälen gleiten Motorboote und Segelyachten vorbei. Für viele Bewohner gehört das Wasser zum Alltag. Statt auf die Strasse blickt man hier oft direkt auf einen Kanal.

Wer Fort Lauderdale wirklich kennenlernen möchte, sollte sich deshalb aufs Wasser begeben. Vom Boot aus offenbart sich eine andere Welt. Reiher stehen regungslos am Ufer, Kormorane trocknen ihre Flügel in der Sonne, und gelegentlich taucht ein Delfin zwischen den Booten auf. Auf den Kanälen treiben sogar manchmal Manatis vorbei. Die sanften Seekühe suchen vor allem in den Wintermonaten die wärmeren Gewässer Südfloridas auf und lassen sich mit etwas Glück beobachten. Auch Meeresschildkröten gehören zur Tierwelt der Region. Besonders während der Nistsaison zwischen Frühjahr und Herbst kommen verschiedene Arten an die Strände Südfloridas, um ihre Eier abzulegen.

Nächtliche Besucher am Strand
Das besondere Naturschauspiel spielt sich ab, wenn die meisten Urlauber längst schlafen. Zwischen März und Oktober wird der Strand zur Kinderstube bedrohter Meeresschildkröten. In dieser Zeit kommen jedes Jahr Hunderte Weibchen aus dem Atlantik an Land, um ihre Eier im Sand abzulegen. Zu den häufigsten Arten gehören die Unechte Karettschildkröte (Loggerhead), die Grüne Meeresschildkröte und die Lederschildkröte. Letztere ist die grösste Meeresschildkröte der Welt und kann über zwei Meter lang sowie mehrere Hundert Kilogramm schwer werden.

Die Nistsaison beginnt meist mit den Lederschildkröten im März. Ihnen folgen die Loggerheads im Frühling und die Grünen Meeresschildkröten im Frühsommer. In den Sommermonaten erreicht das Schauspiel seinen Höhepunkt. Dann entdecken die Biologen beinahe täglich neue Nester entlang der Strände von Fort Lauderdale. Allein an den Stränden der Stadt werden pro Saison mehrere Hundert Nester gezählt. Nach etwa zwei Monaten schlüpfen die Jungtiere. Kaum grösser als eine Handfläche kämpfen sie sich nachts aus dem Sand und machen sich auf den Weg zum Meer. Genau in diesem Moment lauert jedoch eine der grössten Gefahren: künstliches Licht. Über Millionen Jahre orientierten sich die Jungtiere am hellen Horizont über dem Ozean. Heute konkurrieren Hotels, Strassenlampen und beleuchtete Fenster mit dem Mondlicht. Die Folge: Viele Schildkröten krabbeln in die falsche Richtung, verlieren wertvolle Energie oder sterben auf Strassen und Parkplätzen.

Strenge Regeln für den Schildkrötenschutz
Deshalb gelten entlang der Küste von Fort Lauderdale während der Nistsaison strenge Vorschriften. Zahlreiche Gebäude müssen ihre Beleuchtung abschirmen oder dimmen und Leuchten werden durch schildkrötenfreundliche Lampen ersetzt. Statt grellem weissem Licht kommen abgeschirmte Lampen mit orange- oder bernsteinfarbenem Licht zum Einsatz, das die Tiere deutlich weniger irritiert. Jeden Morgen kontrollieren Naturschützer und Freiwillige die Strände. Neue Nester werden markiert und bei Bedarf mit Schutzvorrichtungen versehen. Gleichzeitig entfernen Teams Abfall und andere Hindernisse, die den Jungtieren gefährlich werden könnten. Für Besucher gehört die Schildkrötensaison zu den eindrücklichsten Naturerlebnissen Südfloridas. Wer früh am Morgen am Strand spazieren geht, entdeckt manchmal die breiten Schleifspuren einer Schildkröte, die in der Nacht an Land gekommen ist. Die eigentlichen Tiere bekommt man nur selten zu Gesicht – und genau das gilt als Erfolg. Denn je weniger die Tiere gestört werden, desto grösser sind ihre Chancen, dass aus den Eiern eine neue Generation von Meeresschildkröten entsteht. In einer Region, die von Hotels, Strassen und Ferienanlagen geprägt ist, zeigt Fort Lauderdale damit, dass Tourismus und Naturschutz durchaus nebeneinander bestehen können.

Der Strand selbst zählt zu den schönsten in Florida. Anders als an vielen anderen Orten drängen sich die Hotels nicht unmittelbar bis ans Wasser. Eine breite Promenade trennt die Gebäude vom kilometerlangen Sandstrand. Palmen spenden Schatten, und selbst in der Hochsaison findet sich meist ein ruhiges Plätzchen. Das Meer schimmert je nach Sonnenstand türkis oder tiefblau. Wer aufmerksam hinschaut, entdeckt zwischen den Wellen immer wieder springende Fische oder vorbeiziehende Seevögel.

Abstecher in die Wildnis der Everglades
Doch Fort Lauderdale besteht nicht nur aus Strand. Wenige Kilometer westlich beginnt eine völlig andere Welt. Dort breiten sich die berühmten Everglades aus – ein riesiges Feuchtgebiet, das zu den letzten grossen Wildnislandschaften Nordamerikas gehört. Zwischen Sägegras, Mangroven und Wasserarmen leben Alligatoren, Schildkröten, Otter und Hunderte Vogelarten. Schon die Fahrt dorthin wirkt wie ein Szenenwechsel. Die Hochhäuser verschwinden im Rückspiegel, stattdessen dominieren Wasser, Himmel und unendliche Weite. Die Everglades sind kein klassischer Sumpf, sondern ein langsam fliessender Fluss. Das Wasser bewegt sich oft nur wenige Meter pro Tag durch die Landschaft. Wer mit einem der typischen Luftkissenboote hinausfährt, gleitet durch schmale Wasserkanäle, vorbei an Inseln aus Bäumen und endlosen Grasflächen. Immer wieder tauchen Alligatoren am Ufer auf, während Anhingas und Reiher auf Beute lauern. Über den Wasserflächen kreisen Fischadler, und mit etwas Glück zeigt sich sogar ein Rosalöffler mit seinem leuchtend rosa Gefieder.

Die Everglades gehören zudem zu den artenreichsten Regionen Floridas. Neben Alligatoren leben hier bedrohte Florida-Panther, Schwarzbären, Waschbären und zahlreiche Schlangenarten. Besonders beeindruckend ist die Vogelwelt. Während der Wintermonate rasten Tausende Zugvögel in den Feuchtgebieten. Schneereiher, Silberreiher und Ibisse durchstreifen die flachen Gewässer auf Nahrungssuche und verwandeln die Landschaft in ein Paradies für Naturbeobachter. Wer von Fort Lauderdale aus einen Tagesausflug unternimmt, erlebt damit zwei völlig unterschiedliche Seiten Floridas an einem einzigen Tag: morgens die Strände und Kanäle der Küstenstadt, wenige Stunden später die beinahe unberührte Wildnis eines der faszinierendsten Ökosysteme Nordamerikas.

Zurück in der Stadt
Am eindrücklichsten zeigt sich die Stadt jedoch kurz vor Sonnenuntergang. Dann färbt sich der Himmel über dem Atlantik rosa und goldfarben. Die Palmen zeichnen sich als dunkle Silhouetten gegen das Licht ab, Boote kehren langsam in die Marinas zurück, und über den Kanälen kreisen Pelikane auf der Suche nach ihrem letzten Fisch des Tages.

Fort Lauderdale ist kein Ort, der sich aufdrängt. Die Stadt lockt nicht mit den grössten Attraktionen oder den spektakulärsten Rekorden. Ihr Reiz liegt vielmehr im Zusammenspiel aus Wasser, Natur und Gelassenheit. Wer sich darauf einlässt, entdeckt ein Florida, das nicht laut sein muss, um in Erinnerung zu bleiben. Zwischen Kanälen, Meeresschildkröten, Palmen und Fischrestaurants entfaltet sich eine Seite des Sunshine State, die man oft erst bemerkt, wenn man einen Moment innehält und einfach nur zuschaut.





































