Das Meer ist inzwischen einer der dreckigsten Orte der Welt. In fünf grossen Müllstrudeln treiben Plastiktüten, Plastikflaschen, Strohhalme und Zahnbürsten. Wahre Plastikmüll-Wellen werden an den Stränden angespült. Doch was wir sehen ist nur die Spitze des Müllbergs.

Mehr als 70 Prozent der Abfälle schwimmen in tieferen Wasserschichten oder sinken auf den Meeresboden. Wir sprachen mit Yves Zenger, Mediensprecher von Greenpeace, über die Gefahren von Mikroplastik und die weltweit grössten Plastikverschmutzer.

Herr Zenger, sogar in der Tiefsee wurde Plastik gefunden. Gibt es überhaupt noch Regionen, die noch «plastikfrei» sind?
Kaum. Sogar in den Gewässern der unberührten Antarktis fanden Forscher zuhauf Plastikfasern. Und Tiere in der Tiefsee haben Mikroplastik im Magen. Das Problem betrifft übrigens auch die «saubere» Schweiz: Allein in den Genfer See gelangen etwa 50 Tonnen Plastik pro Jahr!

Wieviel Plastikmüll schwimmt bereits in den Meeren?
Das Gesamtgewicht des Plastiks ist laut UNO nicht schätzbar. Eine Untersuchung von 2010 ergab aber, dass jährlich bis zu 12,7 Millionen Tonnen allein in Küstennähe ins Meer gelangen. Dazu kommt der Müll, der von Schiffen oder Plattformen direkt auf dem Meer entsorgt wird.  Bekannt ist auch, dass die Abfälle im Meer etwa zu 80 Prozent aus Kunststoff bestehen. Ähnlich verhält es sich mit dem Müll an Europas Stränden. Die Hälfte davon setzt sich aus Einwegplastik, also Verpackungen zusammen.

Woher kommt der Grossteil des Plastikmülls in unseren Meeren?
Tourismus, Industrie, Mülldeponien und Städte sorgen für die grösste Plastikverschmutzung. Hinzu kommen jene auf dem Meer von Schifffahrten, Fischerei sowie Offshore-Anlagen und Aquakulturen, also Zuchtgebieten. Ein Grossteil des Abfalls besteht aus Einwegplastik: Säcke, Flaschen, Geschirr, Besteck oder Lebensmittelverpackungen. Kleinere Teile unter 5 mm, so genanntes Mikroplastik, gelangt aus Kosmetika, Kleidern oder Pneuabrieb über die Wasserkanalisationen ins Meer.

Warum ist gerade Plastik so gefährlich für das marine Ökosystem?
Weil unzählige Meerestiere qualvoll daran sterben. Sie verheddern sich im Plastikmüll oder verwechseln Kunststoffteile im Meer mit Nahrung. Die Folgen sind Verletzungen und Strangulationen und mit Plastik verstopfte Verdauungssysteme, was die Tiere mit vollem Magen verhungern lässt. Dieses Leiden können wir nicht einfach hinnehmen. Plastik baut sich ausserdem kaum ab, sondern wird im Verlauf von Jahrzehnten bis Jahrhunderten immer kleiner und kleiner. Auch grössere Teile werden irgendwann zu Mikroplastik.

Stichwort Mikroplastik – inwiefern ist dies auch für den Menschen gefährlich?
Das Problem ist, dass sich industrielle Schwermetalle und Giftstoffe an feste Gegenstände anheften. Plastik ist ideal dafür, es saugt die Toxine auf wie ein Schwamm. Und in der Nahrungskette der Meereslebewesen, vom Plankton bis zum Hai, reichern sich diese Giftstoffe an. Schlussendlich landen Mikroplastik und Giftstoffe also auf unseren Tellern. Der Einfluss von Plastik auf unsere Gesundheit ist bisher nur wenig erforscht, aber Medizinforscher erhalten allmählich einen Eindruck vom Risikopotenzial. Von den Giftstoffen weiss man, dass sie unter anderem Krebs verursachen können, aber auch Diabetes, Entwicklungs- und Lernstörungen, Autoimmunkrankheiten oder neurologische Probleme.

Ist es überhaupt möglich, grössere Mengen des Plastikmülls wieder aus den Meeren zu entfernen?
Das stelle ich mir sehr schwierig vor angesichts der Menge des Plastikmülls und der riesigen Fläche. Man muss ehrlicherweise sagen: Die Situation ist ausser Kontrolle. Das Herausfischen von Makroplastik, also grösseren Teilen, ist theoretisch sicher möglich. Zumindest wenn die Teile an der Oberfläche treiben. Aber das ist nur ein kleiner Teil des Problems: Rund acht Millionen Tonnen Plastik landen jährlich im Meer, davon sinken 70 Prozent auf den Meeresboden. Wie holt man das heraus? Zudem ist Mikroplastik zu klein, als dass man es herausfiltern könnte. Es gibt viele Reinigungsinitiativen, was an sich lobens- und unterstützenswert ist. In erster Linie geht es jetzt aber darum, zu verhindern, dass noch mehr Plastikmüll in die Meere gerät.

Wer ist vor allem in der Verantwortung zu handeln?
Alle! 90 Prozent des weltweit hergestellten Plastiks wird nicht rezykliert, ein Teil kann gar nicht rezykliert werden. Viele ärmere Weltregionen stellt das vor ein grosses Problem. Zum Beispiel die Philippinen: Durch Mülltrennung, lokale Kompostierung und Recycling können die Gemeinden und Städte ihren Abfall um bis zu 80 Prozent reduzieren. Aber auch die stärksten Bemühungen reichen nicht aus, um auf 100 Prozent zu kommen. Plastikmüll gelangt in offene Deponien und von dort ins Meer. Das ist nicht einfach nur deren Problem, sondern hat viel auch mit uns zu tun: Denn darunter ist auch Plastikmüll aus Europa. Einer der drei weltweit grössten Plastikverschmutzer ist der Schweizer Konzern Nestlé. Das haben verschiedene Strand- und Meeresreinigungen ergeben. Allein letztes Jahr hat Nestlé 1,7 Millionen Tonnen Plastik hergestellt, vor allem für Einwegverpackungen. Philippinische Gemeinden fragen, warum die Firmen, die den Abfall verursachen, nicht die Verantwortung dafür übernehmen. Aber auch Grossverteiler leisten einen verheerenden Beitrag. Sie feiern jede vom Plastik befreite Obstsorte öffentlich ab und stellen doch ständig neue einwegverpackte Convenience-Produkte ins Regal. Die Konsumgüterbranche muss mit Einwegverpackungen aufhören und auf alternative Mehrweg-Liefersysteme setzen. Es liegt jedoch auch an der Politik, die Ressourcenverschwendung und Verpackungskrise zu stoppen. Und last but not least tragen auch die Konsumentinnen und Konsumenten eine Verantwortung.

Wie kann man den Kampf für saubere Flüsse und Meere unterstützen?
Durch achtsames Einkaufen – Bio, unverpackt, lokal, saisonal –, durch die Wahl von Mehrwegbehältern und -beutel, Natur-Kosmetika (z. B. Blockseife) und den Verzicht auf Polyester-Kleidung, durch Sensibilisierung der Mitmenschen und aktives oder auch passives Engagement bei einer Umweltorganisation. Und durch die Wahl von Politikerinnen und Politiker, die die Umweltprobleme nicht länger ignorieren. Unsere Gewässer sind ja nicht nur mit Plastik verschmutzt, sondern beispielsweise auch mit einem Cocktail aus synthetischen Pestiziden der Landwirtschaft. Die Schweiz liegt im Pestizidverbrauch im europäischen Vergleich sogar über dem Durchschnitt – mit dramatischen Auswirkungen auf die Artenvielfalt.