Jetzt geht es der veganen Salami an den Kragen. Lidl Schweiz hat vor dem Bundesgericht verloren. Vegane Produkte dürfen nicht «Salami», «Schinken» oder «Mortadella» heissen. Die Begründung: Diese Begriffe seien Fleischerzeugnissen vorbehalten, ihre Verwendung bei pflanzlichen Produkten könne gegen den Täuschungsschutz verstossen.
Text: Yvonne Beck
Täuschungsschutz klingt wichtig. Ist er auch. Nur frage ich mich, wer hier eigentlich vor wem geschützt werden muss. Wer vor einem Produkt steht, auf dessen Verpackung gross «vegan» oder «pflanzlich» prangt, dürfte kaum davon ausgehen, dass darin heimlich ein Schwein verarbeitet wurde. Und wer ein veganes Schnitzel kauft, erwartet vermutlich ebenso wenig Kalbfleisch wie beim Kinderschnitzel ein Kind auf dem Teller liegt. Natürlich braucht es Regeln für Lebensmittel. Wer Käse kauft, soll wissen, was er bekommt. Wer Fleisch kauft, ebenso. Und gerade bei Herkunft, Inhaltsstoffen oder Produktionsweise darf es keine Tricksereien geben. Aber muss dafür wirklich die Wurst sprachlich verteidigt werden?

Denn Begriffe wie Schnitzel, Burger oder Wurst beschreiben für viele längst nicht mehr nur den Rohstoff. Sie sagen auch etwas über Form, Verwendung und Zubereitung aus. Ein veganes Schnitzel ist flach, wird gebraten und landet vielleicht mit Pommes auf dem Teller. Eine vegane Bratwurst kommt auf den Grill und passt ins Brötchen. Genau deshalb heissen diese Produkte so. Nicht weil Hersteller hoffen, dass jemand versehentlich Tofu statt Schwein kauft.
Beim Käse ist die Sache rechtlich schon länger klarer. Pflanzliche Produkte dürfen nicht einfach als Käse oder Milch verkauft werden. Deshalb stehen heute kreative Wortschöpfungen im Kühlregal. Aus Käse wird «Genuss-Scheibe», aus Milch «Drink». Juristisch mag das sauber sein. Sprachlich ist es mitunter ziemlich albern.
Warum Hafermilch keine Milch sein darf
Bei Milch und Käse sind die Bezeichnungen schon länger geschützt. In der Schweiz ist der Begriff «Milch» grundsätzlich dem durch Melken gewonnenen Erzeugnis von Säugetieren vorbehalten. Auch Bezeichnungen wie «Käse», «Rahm» oder «Butter» sind an Milchprodukte gebunden. Pflanzliche Alternativen müssen deshalb andere Namen tragen.
Darum steht im Regal «Haferdrink» statt «Hafermilch» und auf veganen Käsealternativen finden sich Bezeichnungen wie «pflanzliche Scheiben», «Genuss-Scheiben» oder «Alternative zu Käse». Für die Hersteller bedeutet das mitunter sprachliche Kreativität – für Konsumentinnen und Konsumenten Wortschöpfungen, bei denen trotzdem meist ziemlich schnell klar ist, was gemeint ist.
Und nun also Salami, Schinken und Mortadella
Man kann darüber streiten, wo die Grenze verlaufen soll. «Veganes Rindsfilet» ist vielleicht tatsächlich widersprüchlicher als «vegane Wurst». Aber genau dafür gibt es ein wunderbares kleines Wort: vegan. Es informiert ziemlich zuverlässig darüber, dass weder Rind noch Schwein noch Huhn beteiligt waren. Vielleicht sollten wir Konsumentinnen und Konsumenten auch ein Mindestmass an Lesekompetenz zutrauen.

Vor allem aber stellt sich die Frage nach den Prioritäten. Unsere Landwirtschaft kämpft mit Klimawandel, Preisdruck und Strukturwandel. Wir diskutieren über Tierwohl, Biodiversität, Lebensmittelverschwendung und die Frage, wie wir eine wachsende Bevölkerung nachhaltig ernähren können. Gleichzeitig beschäftigen sich Behörden, Gerichte, Unternehmen und Juristen über Jahre damit, ob eine Scheibe aus Erbsenprotein Salami heissen darf.
Rechtlich mag die Antwort nun gefunden sein. Gesellschaftlich bleibt für mich eine andere Frage: Haben wir wirklich keine wichtigeren Würste zu braten?


































