Das Eastern State Penitentiary war einst das berühmteste und teuerste Gefängnis der Welt. Einige der bekanntesten Verbrecher Amerikas sassen hier in Haft, darunter der Serienbankräuber «Slick Willie» Sutton und «Scarface» Al Capone. Heute ist die ehemalige Strafanstalt eine verwirrende Welt aus zerfallenden Zellenblöcken, leeren Wachtürmen und bröckelndem Putz.

Als das Gefängnis im Jahre 1829 seinen Betrieb aufnahm, galt es als eines der modernsten Zuchthäuser der Welt und als architektonisches Wunderwerk. Bereits vor dem Weissen Haus in Washington verfügte es über ein Installationssystem und eine Zentralheizung. Das Gebäude wurde äußerlich einer neogotischen, festungsähnlichen Burg nachempfunden, um schon von Weitem eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Man wollte hier eine Anstalt im Dienste des Strafrechts errichten, mit reformierten Methoden der Verbrechensbekämpfung.

Isolation im Namen Gottes
Wichtige Impulse gingen dabei von der Religionsgemeinschaft der Quäker aus, die eine Abschaffung der Todes- und Prügelstrafe forderte und auf Missstände in Gefängnissen aufmerksam machte. In Philadelphia, einer der Hochburgen der Quäker, wurde Ende des 18. Jahrhunderts die «Philadelphia Society for Alleviating the Miseries of Public Prisons» gegründet. Sie setzte 1821 mit Unterstützung von Benjamin Franklin den Bau des Eastern State Penitentiary durch. In dieser Haftanstalt sollten die Gefangenen nach den religiösen Vorstellungen der Quäker zu einem Leben mit Gott zurückfinden.

Häftlinge waren in Einzelzellen untergebracht, durften nicht miteinander kommunizieren und erhielten nur Besuch von Anstaltsgeistlichen. Die einzige erlaubte Lektüre war die Bibel. Durch diese strenge Isolation sollten die Insassen in der Einsamkeit zu Reue und Umkehr gelangen. Nach dem sogenannten «solitary system» war man der Ansicht, dass es nichts Gutes bringen würde, wenn Insassen zusammengebracht oder sogar Gefängnis-Freundschaften ausserhalb der Anstalt weitergeführt würden. Einzelhaft war daher oberstes Prinzip. Verliessen die Insassen ihre eigenen Zellen, so wurden sie gezwungen Masken zu tragen, damit sie nichts vom Gefängnis zu sehen bekamen. Jede Zelle im Erdgeschoss verfügte zwar über einen eigenen Außenbereich, dieser war jedoch durch Mauern abgetrennt. So wurde sichergestellt, dass die Gefangenen während ihres einstündigen, täglichen Ausgangs nicht miteinander kommunizierten. 586 identische Zellen von je 2 x 3,5 x 4 m Größe waren auf sieben Seitenflügel verteilt und dienten den Gefangenen als ganztägige Aufenthaltsräume.

Die Musteranstalt
Das Eastern State Penitentiary galt als Prototyp vieler späterer Zuchthäuser weltweit. Es war eines der ersten Gefängnisse in der Panoptikon-Bauweise, bei der Zellentrakte rund um einen Zentralbau strahlenförmig gruppiert sind. Diese Bauweise ermöglicht die Überwachung vieler Menschen durch einen einzigen Wärter. Von einer Schaltzentrale konnten alle Seitenflügel gleichzeitig überwacht werden. Spätere Anbauten wurden zweigeschossig ausgeführt, um die wachsende Zahl der Gefangenen unterbringen zu können. Die Zellen verfügten bereits zu recht früher Zeit über Toiletten und Zentralheizung.

In den 1830er-Jahren wurde die neue amerikanische Musteranstalt von zahlreichen Europäern besucht und international bekannt. Bereits 1842 wurde in London nach dem Vorbild des Eastern State Penitentiary das Gefängnis Pentonville eröffnet. Allerdings galt hier das mehrstufige «progressive system», sprich, nur zu Anfang ihrer Haftstrafe mussten Gefangene in Einzelhaft, danach konnten sie je nach Verhalten drei Stufen erleichterter Haft auf- oder absteigen und bei guter Führung sogar früher entlassen werden. Auch in Deutschland prägte die radiale Anordnung der Zellenflügel um einen Zentralbau den europäischen Gefängnisbau nachhaltig.

Grausame und falsche Methoden
Als Charles Dickens das Eastern State Penitentiary im Jahre 1842 besuchte, kritisierte er das System als «cruel and totally wrong». Er bevorzugte das «silent system» im 1818 eröffneten Auburn State Prison in New York. Hier durften die Häftlinge zwar nicht miteinander kommunizieren, wurden dafür aber nicht isoliert. Nur nachts waren sie in Einzelzellen untergebracht, tagsüber mussten sie gemeinsam Arbeiten verrichten. Dickens war schockiert über die psychische Verfassung der Insassen in Philadelphia. Im Eastern State Penitentiary wurde nicht nur systematisch mit der psychologischen Foltermethode der Isolationshaft gearbeitet, sondern es kam auch zu extrem grausamen Folterungen, um den Willen der Gefangenen zu brechen. Häftlinge beschrieben das Gefängnis als Hölle auf Erden: Sie wurden in Eiswasser gesteckt, zitternd an feuchtkalte Wände gestellt oder an den «Stuhl des Wahnsinns» gebunden, bis sich die Fesseln ins Fleisch schnitten. In den winzigen Isolationszellen, dem berüchtigten «Loch», sassen Aufsässige tagelang in absoluter Finsternis.

«Penitentiary» heisst zu Deutsch «Zuchthaus». Es gibt jedoch einen weiteren Grund, woher das Eastern State Penitentiary seinen Namen hat: Es wurde gebaut, um bei Insassen «penitence» (Reue) hervorzurufen. Doch die Überzeugung der religiösen Gründungsväter, dass Zwangsbusse bei völliger Isolation zur inneren Umkehr und Besserung der Gefangenen führen würde, stellte sich als einer der fatalsten Irrtümer in der Geschichte des Strafvollzuges heraus. Statt der erhofften Reue rief diese Anstalt eher Wahnsinn und Selbstmorde hervor. Selbst Gangsterlegende Al Capone soll hier seinen Verstand verloren haben.

Im 20. Jahrhundert war die Haftanstalt mit 1.900 Gefangenen belegt. Immer wieder gab es Kritik an den Zuständen, wie zum Beispiel Übergriffe des Personals und Korruption. 1971 wurde die Vollzugseinrichtung endgültig geschlossen. Im Laufe seiner 141-jährigen Geschichte als Gefängnis wurde das Gebäude mehrmals umgebaut. Das heutige Museum dokumentiert den Zustand von Zellen aus jeder der unterschiedlichen Phasen. Ein grosser Teil des Gebäudes befindet sich in sehr marodem Zustand.

Die heute feuchten, teils von Schimmel überzogenen Wände, die engen Zellen ohne Tageslicht und ein leicht modriger Geruch erinnern an die Seelen unzähliger, ehemaliger Insassen, die hier auf grausame Weise zu Tode kamen. Kein Wunder, dass dieser Ort zu den gruseligsten in den USA zählt.