Hoteliers und Küchenchefs teilen die Leidenschaft zu ihrem Beruf und den Wunsch nach aufrichtigen Beziehungen zu ihren Gästen. So verschreibt sich Relais & Châteaux seit über 60 Jahren der «Art de Vivre». 1954 gegründet, besteht Relais & Châteaux heute aus einer Vereinigung von über 550 einzigartigen und unabhängigen Hotels und Restaurants. Wir sprachen mit Philippe Gombert, Präsident von Relais & Châteaux, über die Verpflichtung gegenüber dem Reichtum und der Vielfalt der Kulinarik sowie den neuen Herausforderungen in der Hotellerie.

«Wir verpflichten uns dem kulturellen Erbe einer Region.»

Philippe Gombert ist seit 2013 Präsident von Relais & Châteaux. / Bild: © Thomas Bismuth

Text: Yvonne Beck

Herr Gombert, Sie sind nun seit vier Jahren im Amt. Was hat sich seitdem bei Relais & Châteaux getan?
Es ist immer schwierig zu sagen was sich geändert hat. Wir waren immer eine grossartige Familie. Aber als ich zum Präsidenten von Relais & Châteaux gewählt wurde, hatte ich als grosses Ziel die Digitalisierung unserer Produkte und den Ausbau der Online-Präsens. Nur so können wir heutzutage unsere über 550 Mitglieder-Hotels in 60 Ländern gebührend vorstellen und vermarkten. Wir betreiben jedoch nicht nur unsere Website, sondern haben zudem noch eine App entwickelt, um die interne Kommunikation zu verbessern. Es gibt so viele wundervolle Geschichten rund um die einzelnen Häuser, aber bei über 550 Mitgliedern kann man schnell den Überblick verlieren und viele spannende Stories sind bereits verloren gegangen. Nun aber haben die einzelnen Häuser die Möglichkeit ihre Geschichten digital zu erzählen. Geschichten vom Küchengarten über den Biobauern bis hin zu alten wiederentdeckten Gemüsesorten. So haben wir eine riesige Content Datenbank, auf die wir jederzeit zugreifen können. Es ist eine riesige Schatztruhe voller Anekdoten und Geschichten.

Grand Hôtel du Lac in Vevey / Bild: © Relais & Châteaux

Wozu braucht es eine Vereinigung wie Relais & Châteaux?
Jedes einzelne Mitglied ist auf seinem Gebiet ein Profi. Wir haben Top-Hoteliers, Sterneköche und grossartige Restaurantmanager – jeder Mitarbeiter weiss genau was er zu tun hat und liefert Tag für Tag Spitzenleistungen ab, aber gemeinsam sind wir noch viel besser und stärker. Und gemeinsam können wir die einzelnen Häuser in die ganze Welt hinaustragen und promoten. Unsere Website gibt es in neun Sprachen, unter anderem in Mandarin und Japanisch. Ein Einzelhotel könnte sich dies meist nicht leisten.

Was ist Ihr wichtigster Markt?
Im Zentrum steht Europa. Zweidrittel unseres Networks findet in Europa statt. Ein weiterer sehr wichtiger Markt ist Amerika. Wir sind sowohl in Nord- wie Südamerika stark gewachsen. Wir haben inzwischen mehr als 100 Mitglieder dort. Aber auch der Asiatische Markt wächst weiterhin.

Die Schweizer und die Österreicher legen sehr viel Wert auf eine gute Gastronomie wie diese im Park Weggis. / Bild: © Relais & Châteaux

Wodurch unterscheiden sich Deutsche, Österreicher und Schweizer Gäste?
Die Schweizer und die Österreicher legen sehr viel Wert auf eine gute Gastronomie. Essen und Wein sind sehr wichtig für sie. Deutsche hingegen bereisen zwar die ganze Welt, sind aber eher kulturell interessiert. Sie geben bedeutend weniger für Restaurantbesuche aus als ihre beiden Nachbarn.

Hotel Eolo Patagonia’s Spirit / Bild: © Relais & Châteaux

Welches ist Ihr persönliches Relais & Châteaux Lieblingshotel?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Jedes Haus hat seinen ganz eigenen Reiz. Es kommt immer darauf an wie man reist und mit wem. Ich habe jedoch wundervolle Erinnerungen an eine Reise mit meiner Familie nach Südamerika. In Patagonien gibt es das Hotel Eolo mit einer 360 Grad Aussicht. Rundherum ist das grosse Nichts. Ich hätte nie gedacht, dass „Nichts“ so schön und faszinierend sein kann. Aber es gibt so viele wundervolle Häuser, so viele herzliche Gastgeber, so viele hervorragende Restaurants und jedes hat seinen ganz eigenen Spirit und erschafft wundervolle Erinnerungen. Solche Hotels findet man in der Schweiz genauso wie am anderen Ende der Welt. Ich liebe Orte mit Geschichte, ich liebe Landschaften, aber ich liebe auch Menschen, die mit Herzblut hinter ihrem Projekt stehen. All diese Punkte kann ein Hotel zu einem magischen Ort machen, zu einer Herzensangelegenheit. Ein Hotel sollte nicht bloss ein Ort zum Übernachten sein, sondern stets ein kleines Erlebnis – egal wo auf der Welt.

Was muss ein Hotel erfüllen, um bei Relais & Châteaux aufgenommen zu werden
Wir haben natürlich gewisse Qualitätsstandards, die erfüllt werden müssen. Aber das hat mehr oder weniger jede angesehene Hotel-Vereinigung. Was bei uns jedoch noch hinzukommt ist der hohe Stellenwert von Lokalität. Und zwar sowohl in Bezug auf das Kulinarische als auch die Architektur. Jedes Haus passt zur umgebenen Natur und zur Geschichte des Ortes.

Die Kulinarik hat bei Relais & Châteaux jedoch einen besonders hohen Stellenwert…
Ja! In unseren Mitgliedshäusern sind weltweit mehr als 500 Küchenchefs, die zum Teil zu den besten der Welt zählen, tätig. Sie möchten das Spiegelbild und die Förderer der unglaublichen kulturellen und kulinarischen Vielfalt unseres Planeten sein. Wir versuchen die Reichhaltigkeit und die Unterschiede in der Kulinarik und Gastronomie zu wahren, zu leben und aufzuwerten. Unsere Gäste suchen ein kulinarisches Erlebnis und finden dieses in der Geschichte und der Region der Küchenchefs.

„Was man bei uns auf den Tellern findet, erzählt stets auch wo man sich gerade befindet.“

Regionalität wird in den Küchen von Relais & Châteaux also besonders gross geschrieben?
Unsere Hotels verschreiben sich stets einer lokalen Küche mit saisonalen Produkten auf höchstem Niveau. Was man bei uns auf den Tellern findet, erzählt stets auch wo man sich gerade befindet. Viele unserer Häuser stellen ihre Produkte zudem selbst her. Allein achtzig Häuser produzieren ihren eigenen Honig, weitere achtzig stellen ihren eigenen Wein her oder haben hauseigene Gärten in denen sie Obst, Gemüse und Kräuter anbauen. Ein Loup de Mer mit Artischocke wird bei uns sicherlich an der Côte d‘Azur serviert, aber niemals in den Alpen.

Gibt es so etwas wie einen Küchen-Kodex?
Alle unsere Häuser verpflichten sich die kulturelle Identität und die kulinarische Kultur ihrer Region aufrecht zu halten. Wir verstehen Kulinarik als Verpflichtung der Küchenchefs und ihrer Mitarbeitenden ihrer lokalen Kultur gegenüber. Das Kulturerbe, Rezepte oder Gesten werden leidenschaftlich verteidigt und immer wieder neu erfunden.

Wie würden Sie RC in drei Worten beschreiben?
Leidenschaft, mit der die Seele eines Ortes zum Leben gebracht wird. Relais & Châteaux lebt durch Menschen mit grossen Passionen. Exzellenz, mit der auf jedes kleine Detail geachtet wird und jeden Tag aufs Neue Höchstleistungen erbracht werden. Und zu guter Letzt: Menschlichkeit und Respekt gegenüber den Gästen ebenso wie für Mitarbeiter. Ohne Respekt und Liebe funktioniert auch das beste Hotel nicht.

In letzter Zeit spricht man immer wieder davon, dass die Hotellerie neue Ideen braucht, um auch junge Gäste anzusprechen. Was unternehmen Sie diesbezüglich?
Ich denke, man muss jungen Menschen die Möglichkeit geben ein Teil von einem einzigartigen Erlebnis zu sein. Und man muss sich in gewisser Weise auch ihren Bedürfnissen anpassen. Manchmal sind es einfach nur Kleinigkeiten. Viele jüngere Gäste möchten beispielsweise nicht 2,5 Stunden am Tisch hocken. Sie wünschen sich mehr Freiheiten. Wir müssen also herausfinden was die jüngeren Gäste bevorzugen und darauf reagieren. Momentan ist die grösste Herausforderung einen harmonischen Weg zu finden, der den älteren, aber auch den jüngeren Gästen gut gefällt. Die meisten Brands fokussieren sich zu stark auf eine der beiden Gruppen und verlieren dadurch die andere. Wir publizieren immer noch einen gedruckten internationalen Guide, aber auf der anderen Seite sind wir, wie bereits erwähnt, sehr aktiv im Onlinebereich. Damit werden wir Alt und Jung gerecht.

Neues Relais & Châteaux Mitglied das „Svatma Hotel“ in Thanjāvūr in Indien. / Bild: © Relais & Châteaux

Wie viel neue Mitglieder haben Sie dieses Jahr vorgestellt?
Insgesamt sind es vierundzwanzig – jedes so einzigartig wie das nächste. Von der Luxuslodge in Zululand bis hin zum Kreuzfahrtschiff tief im peruanischen Amazonasgebiet. Unter ihnen die Luxus-Ranch „Magee Homestead“ mitten in der Hochebene von Wyoming, das „Duba Plains Camp“ im Okavango Delta von Botswana oder das „Svatma Hotel“ in Thanjāvūr in Indien. Jedes mit unverwechselbarer Atmosphäre und individuellem Charakter.